Die Ausschreibungsfalle oder: Wie den passenden Videoproduzenten finden?

Warum sich die Richtigen oft nicht finden

Es könnte so einfach sein: Der Kunde veröffentlicht eine klar formulierte Ausschreibung für einen Film, der passende Videoproducer antwortet. Man trifft sich, klärt die Details und produziert. Leider funktioniert es oft nicht so, denn viele Ausschreibungen sind alles andere als eindeutig. Hier ein Beispiel von einer Vergabeplattform für Freelancer:

Benötigen Mitarbeiter zur Einrichtung und Pflege eines Youtube Kanals zu (Thema) Es müssen von dem Mitarbeiter Anwendungsvideos gedreht, geschnitten, gesprochen und eingestellt werden. Auf artverwandten Youtubekanälen soll Werbung platziert werden. Wir erwarten die Erstellung eines Marketingkonzepts zur zeitlichen Umsetzung aller Ideen. Gesucht wird ein charismatischer „Typ“ dem die Zuschauer gern zusehen und zuhören. Sie sollten sich mit dem Thema identifizieren können und auch in das Thema einarbeiten um die Aussagen überzeugend rüberzubringen. Wir erwarten viel Engagement und eigene Ideen

Eine solche Ausschreibung macht ratlos, ist doch unklar, was der Kunde will. Anscheinend eine Mischung aus Videoproducer, Marketingexperte und Host (Moderator), nur sind das drei verschiedene Jobs. Möglicherweise wird eine Art Influencer, Vlogger oder YouTuber gesucht, aber auch diese KollegInnen produzieren fast immer arbeitsteilig, zumindest wenn sie Profis sind. Anderes Beispiel:

Ich suche einen kreativen Filmemacher, der einen Werbespot erstellen kann. Der Werbespot soll mit realen Personen / Schauspielern sowohl mit Innen- und Außenaufnahmen realisiert werden. Das zu bewerbende Produkt ist (Kategorie). Gezeigt werden soll der Spot vor allem auf Social Media Kanälen. Da der Spot weltweit Beachtung finden soll ist erst einmal eine Vertonung in Englisch sinnvoll. Ich freue mich auf Resonanz mit einer ungefähren preislichen „Hausnummer“ für die komplette Umsetzung von Konzeption über Casting der Schauspieler bis hin zum fertig geschnittenen Spot.

Was der Verfasser nicht zu wissen scheint: Eine „preisliche Hausnummer“ zu nennen, ist auf Basis der spärlichen Informationen unmöglich. Wünscht der Kunde professionelle Schauspieler oder reichen Kleindarsteller? Soll im Badezimmer einer WG gedreht werden oder im Foyer des Adlon? Je nach Drehbuch und Kundenwünschen kann so ein Spot 2.000 oder 200.000 Euro kosten. Kein Produzent mit einem Minimum an Erfahrung wird sich darauf einlassen, die Herstellungskosten Pi mal Daumen zu schätzen. Genau das erwartet der Anbieter hier aber.

Die Falschen melden sich

Wie reagiert ein seriöser Videoproducer auf solche Anzeigen?

In der Regel gar nicht, weiß er doch aus Erfahrung, dass hier ein Verlustgeschäft droht. Die Wahrscheinlichkeit, dass er viel Zeit auf das Schreiben von X Drehbuchfassungen, Kalkulationen und Meetings verwendet, ohne dass daraus ein bezahlter Auftrag resultiert, ist hoch. Nun bekommen die Verfasser der Annoncen von solchen Vorbehalten nichts mit, vielleicht werden sie sogar mit Angeboten überschüttet – von Anfängern oder Leuten, die das Blaue vom Himmel versprechen. Enttäuschungen sind da programmiert, ebenso die aus Kundensicht logische Schlussfolgerung, dass die Filmwirtschaft unseriös ist. Dabei wollte er oder sie doch einfach nur „ein gutes Video“.

Wie lässt sich so ein Missmatch vermeiden?

Vorbereitung hilft

Kunden mit wenig Erfahrung empfehle ich, zunächst etwas Grundwissen zu sammeln. Ein guter Einstieg ist z.B. das Buch „Unternehmensfilme drehen“ von Wolfgang Lanzenberger und Michael Müller, das auch und vor allem die Perspektive des Kunden einnimmt.

Fachliteratur gibt Ihnen einen Eindruck davon, was mit welchem Budget realisierbar ist und was nicht. Nicht zuletzt hilft sie dabei, eine Ausschreibung präzise zu formulieren. Bei vorgeblichem Know-how aus dem Freundes- und Kollegenkreis rate ich hingegen zur Vorsicht. Im YouTube-Zeitalter hat so ziemlich jeder schon mal „einen Film gemacht“. Ebenso, wie jeder schon mal einen Ikea-Schrank zusammengebaut hat. Zum Möbeldesigner macht ihn das aber noch nicht.

Das Kommunikationsziel festlegen

Es hilft ungemein, ein paar Punkte vorab intern zu klären. Der wichtigste ist die Bestimmung der Kernbotschaft, die sich fast immer in ein bis zwei Sätzen formulieren lässt:

Wer sind wir und womit überzeugen wir unsere Kunden?

Welches Bild von uns soll der Film ihnen nahebringen?

Je eindeutiger Sie die Kernbotschaft festlegen, desto besser kann der Videoproducer sie in ein Konzept übersetzen. Wenn irgend möglich, wird er auch bei Ihnen vorbeischauen und sich selbst ein Bild von Ihrem Unternehmen machen. Umgekehrt gilt: Bei Produzenten, die eine „telefonische Motivbesichtigung“ für ausreichend halten, ist Skepsis angesagt.

Zielgruppe und Medienmix bestimmen

Allzweckvideos gibt es nicht. Filme für Endkunden müssen anders konzipiert werden als solche, die Geschäftspartner oder Experten erreichen sollen. Ebenso macht es einen großen Unterschied, ob das Video auf Facebook, Ihrer Homepage oder einem Messestand laufen soll. Ihr Videoproduzent wird Ihnen das gerne erläutern, aber entscheiden, wen der Film wo erreichen soll, müssen letztlich Sie.

Das ist keine Einschränkung, sondern primär eine Frage des Aufwands. Natürlich kann man mehrere Versionen aus demselben Rohmaterial anfertigen, aber nur innerhalb gewisser Grenzen. Schwierig wird es, wenn z.B. nachträglich aus einem konventionellen Imagefilm ein humorvoller Werbespot werden soll oder umgekehrt. Solche Entscheidungen muss man vor Drehbeginn treffen, und zwar eindeutig, sonst ist das Ergebnis -bestenfalls- bunte Beliebigkeit.

Reden wir über Geld

Viele Kunden legen sich ungern fest, was den Etat für ihren Film betrifft. Davon sollten Sie sich frei machen, denn nur auf Basis dieser Information kann ein Produzent Ihnen ein seriös kalkuliertes Angebot unterbreiten. Umgekehrt gilt: „Flatrate-Produktionen“, wie sie zuhauf im Web angeboten werden, können allenfalls Minimalstandards garantieren, wenn sich nicht gar eine Honigfalle dahinter verbirgt, die im Nachhinein teurer wird, als ein individuell kalkuliertes Angebot. Ähnlich wie bei supergünstigen Pauschalreisen stellen manche dieser Anbieter dann jede Kleinigkeit extra in Rechnung. Eine solide Basis für Sie wie auch für den Produzenten ist deshalb ein schriftliches Angebot, in dem Kosten wie auch der Umfang der vereinbarten Arbeiten aufgeschlüsselt werden. Zahl der Drehtage, Zahl der Umschnitte und vieles mehr. Manche Produzenten werden Ihnen einen umfangreichen Produktionsvertrag vorlegen. Dagegen ist nichts einzuwenden, bei kleinen Produktionen ist es aber eher unüblich.

Den Produzenten klug auswählen

Generell würde ich beim ersten Videoprojekt Vergabeplattformen meiden und selber suchen. Das ist zwar scheinbar mehr Arbeit, erspart Ihnen aber Dutzende Mails oder Anrufe von Möchtegern-Profis. Auch würde ich nicht unbedingt die Ergebnisse wählen, die bei Google ganz oben stehen, zeigt das Ranking doch lediglich, dass der Videoproduzent umfänglich in SEO und AdWords investiert hat. „Videofabriken“, die zum Schnäppchenpreis und bundesweit Filme anbieten, liefern eher selten individuelle, handwerklich gut gemachte Produkte. Oft schicken sie nicht mal eigenes Personal, sondern greifen auf ein Netzwerk von Freiberuflern zurück. Es kommt dann nicht unbedingt der Beste zu Ihnen, sondern der mit dem kürzesten Anfahrtsweg.

Bundesarchiv, Bild 102-13619 / CC-BY-SA 3.0

Gleichzeitig ist regionale Nähe aber auch ein Positiv-Kriterium. Überall in Deutschland gibt es seriöse Videoproduzenten und im Gegensatz zu bundesweit agierenden Firmen haben sie in ihrer Region einen Ruf zu verlieren. Alternativ können sie nach Produzenten Ausschau halten, die auf ihre Branche spezialisiert sind, denn natürlich steigen die Chance auf ein gelungenes Video, wenn der Filmemacher schon im Thema ist. So habe ich z.B. umfängliche Erfahrung mit der Luftfahrtbranche sammeln dürfen und da lohnt es vielleicht sogar, mich für einen Dreh in Stuttgart anzufordern. Für eine Produktion über Hipster-Mode wäre ich aber zugegebenermaßen eher zweite Wahl, selbst für einen Kunden, der bei mir um die Ecke sitzt.

Nicht zuletzt ist wichtig, dass Ihnen der Stil eines Videoproduzenten gefällt und das ist schlichtweg … Geschmackssache. Sehen Sie sich die Arbeitsproben genau an! Mögen Sie die Kameraarbeit? Die Musikauswahl? Der Schnittrhythmus? Filmemachen ist eine kreative Tätigkeit und dabei entwickelt jeder seinen eigenen Stil und eigene Schwerpunkte, auch wenn ihm oder ihr das nicht zwingend bewusst ist. Der eine beherrscht den Reportagestil, der andere den animierten Erklärfilm und ein dritter produziert vielleicht brillante cineastische Spots. Was es nicht gibt, ist das Allroundgenie.

Ein Geschäft wie jedes andere

Kurz gesagt: Treffen Sie nach den oben genannten Kriterien eine Vorauswahl und kontaktieren Sie zwei oder drei Anbieter. Schildern Sie Ihre Wünsche so konkret wie möglich und nach ein paar Rückfragen wird Ihnen jeder Produzent gerne ein Angebot erstellen. Vergleichen Sie diese Angebote und treffen Sie eine Entscheidung! Ist die Kooperation auf diese Weise angebahnt, wird Ihr Produzent Sie Schritt für Schritt durch den Herstellungsprozess führen, bis hin zum fertigen Video.

„Also eigentlich wie bei jedem Geschäft?“ Exakt. Und wie bei jedem Geschäft sind Fakten und Zahlen nicht alles; das Bauchgefühl ist mindestens ebenso wichtig. Vertrauen Sie dem Produzenten? Klappt die Kommunikation mit ihm? Wenn Sie Ihren Videoproducer auf diese Weise auswählen, ist das zwar keine Erfolgsgarantie, aber zumindest haben Sie das Risiko eines Fehlschlags deutlich reduziert.